

Die Erfüllung seines Lebenstraums kostete 32 Euro
Am Tag der offenen Tür im neuen Opernzelt war tatsächlich keine Tür geschlossen
– 3000 Leute blickten hinter die Kulissen des Theaters
Von Sebastian Riemer, RNZ, 05.10.2009
Sönke Brunn legt alles in diesen Moment. Die Aufregung von gerade eben, seine zitternde Stimme vor dem großen Auftritt – all das merkt man ihm nun nicht mehr an. Er schwingt geschmeidig und entschlossen seine Hände durch die Luft, der Kopf knallrot, sein Haar weht bei jedem Tempowechsel wild umher. Sönke Brunn, ein Mann, der noch nie dirigiert hat, steht im neuen Theaterzelt vor dem Philharmonischen Orchester der Stadt Heidelberg und dirigiert Beethovens Fünfte, als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes getan.
Brunn ist einer der drei Spontan-Dirigenten, die am Samstagabend den Tag der offenen Tür des Theaters und Orchesters im neuen Opernzelt, mit einem Finale Furioso beschlossen.
Bei der fast schon rituellen Versteigerung von Kostümen durch Intendant Peter Spuhler wurden am Mittag erstmals auch Dirigate versteigert. Für nur 32 Euro erfüllte sich Sönke Brunn, der viele Jahre Kammermusik machte, einen Lebenstraum. „Ich habe mit vielen aus dem Orchester zusammengespielt“, sagte er kurz vor seinem Auftritt sichtlich bewegt, „aber dass ich dieses Orchester einmal dirigieren darf, das ist die Erfüllung meines Lebens.“
Für Bernhard Meuth war es eine ebenso aufregende, wenn auch nicht ganz freiwillige Erfahrung. Ein Freund hatte das Dirigat für 50 Euro ersteigert – und einfach an ihn weitergereicht. „Ich habe schon einmal einen kleinen Chor dirigiert, aber Beethoven? Nein!“, das sei ihm dann doch eine Nummer zu groß.
Doch Meuth schlug sich, genauso wie die evangelische Pfarrerin Astrid Maschel-Feller, die das dritte Dirigat für 34 Euro ersteigerte, großartig – und das meinten nicht nur die Zuschauer im Operzelt, sondern der Lehrer der drei Hobby-Dirigenten höchstselbst. „Wir haben fabelhafte Dirigenten gesehen, denn alle drei haben ihre Persönlichkeit eingebracht“, sagte Dirigent Ivo Henschel, der die drei Furchtlosen am Mittag in einer Art Crash-Kurs eingelernt hatte.
Rund 3000 Menschen nutzten den ganzen Samstag über die Chance, erstmals die neue, temporäre Heimstätte des Städtischen Theaters zu begutachten. Denn das mit dem „Tag der offenen Tür“ war ganz wörtlich gemeint: Nicht nur das Foyer und das Opernzelt selbst waren zugänglich, sondern auch die Werkstätten und alle Bereiche, in denen sonst still im Hintergrund gearbeitet wird.
„Es ist toll: Überall trifft man Schauspieler, Musiker oder Requisiteure, die uns alle Fragen beantworten“, meinte eine Heidelbergerin, die mit ihren Töchtern Anna und Leonie da war. Den beiden Kindergartenkindern gefiel die Klangwerkstatt am besten, wo sie die Orchesterinstrumente einmal selbst ausprobieren durften.
Intendant Peter Spuhler konnte es am Abend gar nicht fassen: „Wieso können Sie das so gut?“, fragte er jeden der drei Hobby-Dirigenten. Sönke Brunn war da selbstkritischer: „Die Temposchwankungen waren viel zu groß. Die entsprachen zwar meinem Herzen, aber das war etwas zu viel.“
Weitere Fotos vom Tag der offenen Tür 2009: (zum Vergrößern bitte anklicken)