OPER

PREMIERE: Sonntag, 06.12.2009 19.30 Uhr Rokokotheater Schwetzingen

 

Giuseppe PorsileAnnika Sophie Ritlewski (Vetturia)

 SPARTAKUS

 

Oper in drei Akten

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Deutsche Erstaufführung

 

Regie Michael von zur Mühlen
Bühne & Kostüme Ben Baur
Dramaturgie Bernd Feuchtner, Tina Hartmann

Musikalische Leitung Michael Form
Philharmonisches Orchester Heidelberg

 

 

Die Oper des Hofkomponisten Giuseppe Porsile war der große Erfolg der Karnevalssaison 1726 in Wien – in Auftrag gegeben vom Kaiser persönlich. Berühmte Sängerinnen wie Faustina Bordoni, die Frau von Johann Adolf Hasse, verhalfen den weit ausschwingenden Melodien und brillanten Rhythmen des Neapolitaners zum Erfolg. Natürlich konnte man nicht erwarten, dass den kaiserlichen Herrschaften ein Revolutionsdrama vorgeführt wurde – der legendäre Anführer des römischen Sklavenaufstands ist hier ein größenwahnsinniger Diktator, der glaubt, er könne sogar der Liebe Befehle erteilen.
Am Ende steht eine der berühmten Wahnsinnsszenen der Opernliteratur. So legendär diese auch ist – im Ganzen wurde Porsiles SPARTAKUS seitdem Barock noch nicht wieder aufgeführt.

WINTER IN SCHWETZINGEN leistet zum vierten Mal Pionierarbeit und erobert ein Meisterwerk für die Opernbühne zurück.

Der Regisseur Michael von zur Mühlen gab sein Heidelberger Debüt mit Puccinis BOHÈME und inszenierte zuletzt Wagners FLIEGENDEN HOLLÄNDER am Leipziger Opernhaus.

 

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Das Herz der Regie schlägt links (Mannheimer Morgen)

Das Herz der Regie schlägt links (Mannheimer Morgen)

Das Herz der Regie schlägt links

Winter in Schwetzingen: Mit Porsiles "Spartakus" und Revolutionsparolen verstört Regisseur von zur Mühlen

Erfinde, ruft das junge Revoluzzerherz des Regisseurs, erfinde, provoziere, sprenge Grenzen und lehne dich auf gegen alles, was nach Konvention riecht und nach Langeweile! Gehe dorthin, wo noch keiner war, und sei dieser Weg auch noch so schwer und steinig. So oder ähnlich ruft's wohl auch aus ihm: Michael von zur Mühlen, runde 30, und zuletzt wegen Filmeinspielungen von Kampfhunden und aus Schlachthäusern im Leipziger "Holländer" in den Kultur-Schlagzeilen der Republik.

Sinnbildliches Hinrichten
Emilio Pons (Spartakus)
Zur Eröffnung des Festivals Winter in Schwetzingen mit "Spartakus" redet in Mühlens Inszenierung schon vor Beginn in einer Filmsequenz vor einem Fußballplatz nur einer - der Philosoph Peter Sloterdijk, der kürzlich sachbuchliterarisch meinte: "Du musst dein Leben ändern". Später, in einer tobenden Tötungsaktion zu wilder Musik, lässt Mühlen neben anderen politischen Menschen wie Unternehmer Dieter Hundt, Minister Wolfgang Schäuble oder Senator Arnold Schwarzenegger auch Sloterdijk mit einem Baseballschläger sinnbildlich hinrichten - war Mühlen Sloterdijks politischer Schwenk von Links zur Mitte vor Monaten zu reaktionär?
Ach ja, bei solchen Fragen vergessen wir fast zu erwähnen: Wir sitzen in einer Barockoper, die am habsburgischen Hof in Wien zum Karneval bestellt wurde und die natürliche Machtgesetze außer Kraft setzt - freilich nur, um am Ende die Überlegenheit und Aufrichtigkeit der herrschenden Klasse zu akzentuieren.
Natürlich ist das harter Tobak, was Mühlen mit seiner Mixtur aus Trash, Brecht, Ba-Rock-Oper und Agitprop anbietet. Natürlich zwirbelt er das im Geiste zutiefst antidemokratische Werk Porsiles um in ein Revolutionsstück, in dem Spartakus' betrogene Ehefrau Rodope sogar als Rosa Luxemburg und Ulrike Meinhof auftritt, deren Ideen, wenn man so will, auch verraten wurden. Natürlich bricht und zerbricht Mühlen die Struktur der Oper, indem er von drei clownesken Gestalten ganze Textpassagen aus Heiner Müllers Stück "Der Auftrag" als Intermezzi spielen und sprechen lässt. Natürlich regnet es Flugblätter, werden Parolen gerufen, der harte Rock von Rage Against The Machine gespielt und das Transparent aufgespannt mit der antikapitalistischen Kampflosung: "Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen. Wir wollen die ganze Bäckerei." Dies alles waren Einwände des Traditionalisten.

Das Zerbrechen des Protagonisten
Judith Achner, Richard Hoppart, Elisabeth Schlicksupp (Clowns)
Aber es ist doch so großartig umgesetzt, herrlich unbequem, ja, es tut sogar richtig weh. Dass es schon allein aufgrund politischer Gesinnungen nicht jedem im Publikum gefällt (am Ende wird auch heftig gebuht), versteht sich von selbst. Das Herz der Regie schlägt links - weit außerhalb des Körpers. Psychologisch ist der Abend ebenfalls bestens durchgearbeitet. Das Zerbrechen des Protagonisten, sein Häuten (er zieht sich nackt aus), seine Metamorphose vom Revoluzzer zum Tyrannen, der an seiner eigenen Selbst- und Herrschsucht zerbricht - all das gelingt Mühlen und seinem Team (Ausstatter Ben Baur, Filmer Stefan Butzmühlen, Beleuchter Ralph Schanz) bestens, wenngleich: Die ästhetische Stoßrichtung geht hin zum jungen Menschen.
Dass die Oper einige Rezitativstriche mehr vertragen hätte und Längen enthält, wird durch die Interpretation aufgewogen. Was Michael Form am Pult der Heidelberger Musiker leistet, ist aller Ehren wert. Der Sound - man muss es auf Englisch sagen - groovt.
Und dann sind da ausnahmslos wunderbare Sänger. Eine ganz große Nummer ist Annika Sophie Ritlewski, deren Vetturia edle Züge in Bild und Ton aufweist, mit einem kultivierten Timbre, das im messa di voce aufgeht wie eine schöne Blume. Auch Camilla de Falleiro als "buffa graziosa" Gianisbe beeindruckt durch Leichtigkeit, saubere Koloraturen und Spielwitz. Emilio Pons (Spartakus) gelingt ein plastisches Psychogramm des Scheiternden, großartig gesungen und gespielt. Die Countertenöre Franz Vitzthum (Popilius) und Yosemeh Adjei brillieren genauso um die Wette wie Sebastian Geyer als Trasone und Maraile Lichdi als Rodope.
Ein politischer Abend, der lange in Erinnerung bleiben wird und der, das liegt in der Natur der Sache, auch einen Skandal darstellt, hat ihn doch ein junges Revoluzzerherz erfunden.
Mannheimer Morgen, 08.12.09, Stefan M. Dettlinger

Revoltenspiele (Frankfurter Rundschau)

Revoltenspiele (Frankfurter Rundschau)

Revoltenspiele

Porsiles "Spartakus" in Heidelberg

Giuseppe Porsile hatte 1726 am Wiener Hof mit dem Karnevals-Auftragswerk "Spartakus" großen Erfolg. Denn zum politisch genehmen Libretto von Giovan Claudio Pasquini über das Scheitern des Sklaven-Anführers hatte er die Haupt- und Staatsaktion mit der gängigen Portion Liebeshändel verbunden und den Stars seiner Zeit Virtuos-Geläufiges geschrieben, das auch heute noch zündet.

Wie jetzt das TSebastian Geyer (Trasone), Maraile Lichdi (Rodope)heater Heidelberg im Schwetzinger Schlosstheater mit der Ausgrabung des Werkes bewies. Michael Form und die Heidelberger Philharmoniker rissen mit ihrem Ausflug in die barocke Musizierlust die Sänger mit. Dabei teilt sich ein nur siebenköpfiges Ensemble 18 Arien (darunter etliche mit Bravourqualität), vier Duette und ein feingestricktes Quartett. Und nur ab und zu klingt Porsiles erfolgreichstes Werk nach Seria -Konfektion.

Emilio Pons als Spartakus ist ein aufs normale Maß gestutzter Tyrann. Seine Tochter Gianisbe (mit wachsender Geschmeidigkeit: Camilla de Falleiro) und seine Frau Rodope (Maraile Lichdi) sind politische Verschiebemasse: Die Gattin will er loswerden, damit er durch eine Verbindung mit der Aristokratin Vetturia (mit Verve: Annika Sophie Ritlewski) einen Fuß in die Tür der besseren Gesellschaft bekommt. Die Tochter schwankt zwischen dem schmucken Licinius (Yosemeh Adjei) und dem legitimen Thronerben Poplius (Franz Vitzthum) mit dem sie verlobt ist. Weil Trasone (Sebastian Geyer) das Karussell von Intrige und Verrat in Schwung bringt, kann der ungeliebte Aufsteiger am Ende im Wahnsinn entsorgt und die Beziehungs- und Staatsordnung wieder hergestellt werden. Was die Habsburger Auftraggeber gefreut haben dürfte.

Regisseur Michael von zur Mühlen mischt das Ganze soweit auf, dass es zu einem Lehrstück über das Scheitern auch jener Utopien wird, für die der Name Spartakus zum Label wurde. In Ben Baurs offener Bühne findet eine Clowns-Truppe immer ein Plätzchen, um sich während der Ballett-Zwischenspiele mit dieser Parabel einzumischen. Dass damit die Perspektive der Wiener Aristokraten von ehedem in den Zuschauer-Köpfen simuliert wird, gehört durchaus auf die intellektuelle Habenseite dieser Produktion. Freilich schießt deren erfrischende Respektlosigkeit auch schon mal übers Ziel hinaus; das Regieteam hatte die unausweichlichen Buhs wohl einkalkuliert.
Frankfurter Rundschau, 08.12.09. Joachim Lange

Prügel für Politiker in Barock-Oper (dpa)

Prügel für Politiker in Barock-Oper (dpa)

Prügel für Politiker in Barock-Oper

Ein fröhliches barockes Opern-„Abgenudel“ im Stile Vivaldis sollte die Oper „Spartakus“ im Schwetzinger Rokokotheater nicht werden. Mit dem 1726 in Wien uraufgeführten und seitdem nicht mehr gespielten Werk des neapolitanischen Komponisten Giuseppe Porsile (1680-1750) wurde am Sonntag das 3. Barock-Festival „Winter in Schwetzingen“ des Heidelberger Theaters eröffnet. In der dreieinhalbstündigen Aufführung ging es nicht nur um die erfolglose Stürmung Roms durch den antiken Sklavenführer im ersten Jahrhundert der Zeitrechnung, die das Imperium Romanum kräftig ins Wanken brachte. Vielmehr wurde das antike-revolutionäre Wirken in Verbindung mit der kommunistischen Ikone Rosa Luxemburg, der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof und der Französischen Revolution gebracht.

Schläge für GuttenbergEmilio Pons (Spartakus)
Dafür gab es großen Beifall und Szenenapplaus für Sänger und Musiker sowie massive Buhrufe für den Regisseur Michael von zur Mühlen schon während der Vorstellung. Der immer für einen Theaterskandal gute 30-Jährige ließ beim die Oper abschließenden Gladiatorenkampf unter anderem die vermeintlich kapitalistisch-neoliberalen Exponenten wie Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) auf der Bühne verprügeln. Die Figur des historischen Spartakus war in der Urversion des 18. Jahrhunderts eher karikiert worden. Von zur Mühlen verstand es aber auch durch Sprechtheatereinlagen aufzuzeigen, dass in jedem Unterschichtenführer eine explosive „Brandfackel der Freiheit“ steckt, auch wenn man sich über diese zuerst karnevalesk lustig macht.

Haschisch-Geruch
Das Musiktheater in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln überzeugte dennoch durch die gesanglichen Leistungen von Camilla de Falleiro (Gianisbe) und Emilio Pons (Spartakus). Dieser wird als Revolutionsmythos der Zeitgeschichte in zuerst neuzeitlicher Müllkehrermontur nach zahlreichen familiären Verwicklungen und der Nichteinahme Roms verrückt und wandert als gesellschaftliches Nichts nackt mit schwarzer Farbe bestrichen durch das Stück. Spartakus kommt schließlich mit dem Leben davon, weil der Konsulsohn Licinius (Countertenor Yosemeh Adjei) dessen Geliebte Vetturia (Annika Sophie Ritlewski) ehelichen will.
Die Botschaft der durch unnötige Klamauk-Einschübe gestreckten und fast zu brav inszenierten dreieinhalbstündigen Oper: Auch die proletarische Revolution schafft neue Macht-Ungleichheiten, spaltet eine Gesellschaft und führt oft zum Gegenteil des Beabsichtigten, da sich alte Herrschaftseliten wieder etablieren. Strafanzeigen gegen den Regisseur können nach der Schwetzinger Premiere im Gegensatz zu seiner Leipziger Wagner-Inszenierung „Der Fliegende Holländer“ vom Herbst 2008 ausgeschlossen werden. Aus Jugendschutzgründen waren von Zuschauern als Video gezeigte Kampfhundeattacke und eine Schlachthausszene beanstandet worden. Nur der im zweiten Akt herrschende Haschisch-Geruch im Zuschauerraum könnte noch Folgen haben.

Das Barock-Festival dauert noch bis zum 14. Februar 2010. Die weiteren Opernaufführungen werden begleitet von einer Reihe von besonderen Konzerten.
dpa, 07.12.09

Schnickschnack verstellt die Sicht (Opernnetz.de)

Schnickschnack verstellt die Sicht (Opernnetz.de)

Schnickschnack verstellt die Sicht

Eigentlich ist das Heidelberger Publikum immerfort freundlich gestimmt und duldsam. „Sein“ Stadttheater ist ihm heilig. Soeben aber, beim Winter in Schwetzingen, wo seit Jahren fürs Rokokotheater Barockopern ausgegraben und aufgefrischt werden, ging ein ziemliches Gewitter über das Inszenierungsteam nieder. Was war da passiert? Regisseur Michael von zur Mühlen gebärdete sich in der Ausstattung von Ben Baur als junger Wilder, als er die 1726 am Wiener Hof zur Karnevalsbelustigung uraufgeführte Oper Spartakus von Giuseppe Porsile intensiv fürs Heute deuten wollte und dabei mit vielen Versatzstücken zu einer szenischen Collage fand, die dem Publikum so manches Rätsel aufgab.

Maraile Lichdi (Rodope), Emilio Pons (Spartakus)Spartakus, kein Muskelmann, sondern ein schmächtiger Straßenkehrer, fegt die Bühne, im Hintergrund lauern einige Clowns. Später werden sie aus Heiner Müllers Auftrag über die Heimatlosigkeit der Sklaven zitieren. Bevor das Spiel beginnt, wird auch philosophiert, Herr Sloterdijk spricht unverständlich in einem Stadion. Aha, vielleicht wird der Operntitel auf seine Mehrdeutigkeit abgeklopft, da gab’s doch die „Spartakiade“. Zudem den „Spartakus“-Bund, also wird die Gattin des Herrn Spartakus als Rosa Luxemburg und Ulrike Meinhof die Bühne betreten und Kampfparolen plus Agitprop-Worthülsen loslassen. Das wirkt als Parodie, als ob der Regisseur sich in seiner kleinen Provokation nicht nass machen wollte, denn bedenkenswert sind manche Thesen nach wie vor.Was ist sonst noch los? Bierkästen, Lautsprecherboxen, Mikrophone und Videoeinblendungen garnieren den Blick auf Porsiles Protagonisten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie, der seinerzeitigen karnevalesken Theorie entsprechend, den Rollentausch illustrieren. Der Herrscher wird zum Knecht, die schöne Liebende zur schrillen Pop-Figur, dazu muss dann noch Hardrock von „Rage against the machine“ eingespielt werden.
So hat der Premieren-Kunde den Eindruck, dass die Regie alles auspackt, was ihr so in den Sinn kommt. Polit-Theater? Heiteres Spiel mit hintergründiger Absicht? Spartakus übergießt sich mit Farbe und wird am Ende, geschminkt wie ein kohlrabenschwarzer Mohr, das heitere Wechselspiel zwischen Sklave, Befreier, Diktator und tief gefallenem Helden ausbaden, im Wortsinne aller Hüllen entkleidet. Was ihm bleibt, ist der Wahn. Der setzt dramaturgisch zu früh ein, so dass die Regie schon relativ bald ihr Pulver verschossen hat. Zum Schluss mit Festmusik gibt es Kaffee mit Torte und es regnet Flugblätter, doch diese Spartakus-Sicht hält drei Stunden und 25 Minuten nicht aus. Einige Striche in der Partitur wären ebenso wünschenswert wie das Weglassen von allerlei Schnickschnack, der die Sicht eher verstellt als sie zu öffnen.

Yosemeh Adjei (Licinius), Annika Sophie Ritlewski (Vetturia)Gesungen wurde trotz alledem gut bis sehr gut. Überragend die feine Kunst der Sopranistin Camilla de Falleiro, die ihren Sopran mit zartem Glanz, perfekten Koloraturen und innigem Leuchten aufblühen lässt. Robuster, weil gelegentlich flackernd eingesetzt, kommt der Sopran von Annika Sophie Ritlewski daher, aber ihre Zeichnung der Vetturia strahlt fiebrigen Eros aus. Maraile Lichdi als Rodope (Rosa Luxemburg; Ulrike Meinhof) ist in stimmlichem Ausdruck eine Bank. Bei den Herren der Schöpfung überzeugt Emilio Pons in der Titelpartie: darstellerische Intensität und ein facettenreicher, immer sauber und emotional auslotender Tenor sind seine Pluspunkte. Bariton Sebastian Geyer als Trasone sowie die Counterstimmen von Yosemeh Adjei (Licinius) und Franz Vitzhum (Popilius) prägten den Premierenabend positiv.
Auch die kundige, aufgeraute und hoch affektive Deutung der Musik durch die ausgezeichneten Heidelberger Philharmoniker unter Leitung des kompetenten Spezialisten Michael Form kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Musik als barocke Konfektionsware gearbeitet ist. Deshalb wäre zu wünschen, dass dieser Dirigent in der nächsten Saison vielleicht wieder auf eine Vivaldi-Ausgrabung angesetzt wird. Da spricht die Musik so imaginativ für sich, dass sich eine Regie leichter.
Eckhard Britsch, Opernnetz.de

Rumpelstilzchens Kindergarten (RNZ)

Rumpelstilzchens Kindergarten (RNZ)

Rumpelstilzchens Kindergarten

Regisseur Michael von zur Mühlen und der Spaß am Skandal – Unbekannte „Spartakus“-Oper beim „Winter in Schwetzingen“

Man ahnt Camilla de Falleiro (Gianisbe), Ein Clownes früh und behält später Recht: Was haben die Rocklautsprecher wohl zu bedeuten, die rechts und links die Bühne flankieren? Das ist nicht gut.In der Premieren-Pause dachten wir noch, dem Regisseur Michael von zur Mühlen im Vorübergehen für seine „gute Arbeit“ gratulieren zu müssen – wir haben es bald bereut. Denn sein Regiekonzept für Giuseppe Porsiles Oper „Spartakus“ (Wien, 1726) verselbständigt sich im zweiten Teil der Heidelberger Produktion in Schwetzingen. Der junge Bühnenstürmer („Boheme“ in Heidelberg, „Holländer“ in Leipzig) gefällt sich da nur noch in Oberflächlichkeiten und billigen Provokationen. Nicht nur „Sex sells“,  auch Skandal. Auch das ist nicht gut.Ich persönlich gehe in die Oper, weil ich dort bestimmter Musik nicht begegne: Moiks Volksmusikanten etwa, auch bestimmten Formen primitiven Dresch-Rocks. Bisher wurde dieses Vertrauen in die anspruchsvolle Bühnenkunst nie wirklich beschädigt. Jetzt aber habe ich schlechte Laune, denn von zur Mühlen hat dieses Vertrauen missbraucht. Hätte er sich getraut, während eines Heavy-Metal-Konzerts zwei Händel-Arien singen zu lassen? Das Publikum würde aus seiner Bühne (Ben Baur) Kleinholz gemacht haben. Wir Operngänger aber sind ja viel zivilisierter. Mit uns kann man’s machen, denn wir schreien nur Buh! Gar nicht gut.

Was sahen und hörten wir? Ein dem Publikum vollkommen unbekanntes Werk von einem nicht viel bekannteren Komponisten. Nur so viel: Caldara und der berühmte Fux („Gradus ad parnassum“) waren Porsiles Zeitgenossen in Wien. Er schrieb den „Spartakus“ für die kaiserliche Hofoper. Klar, dass es sich um kein Revolutionsstück handelt, sondern im Gegenteil um das Werk eines erzkonservativen Monarchisten. Es zielt darauf, den antiken Revoluzzer der Lächerlichkeit preiszugeben. Denn Spartakus hat in dieser Oper mehr Probleme mit seiner (Ex-)Frau, als er in der Lage ist, seine gewonnene Regierungsgewalt zum Nutzen aller anzuwenden. Das Stück ist ein Karnevalsspaß, wie von zur Mühlen zu Beginn szenisch zu vermitteln weiß. Selbst die Auftritte von Rosa Luxemburg und Ulrike Meinhof sowie das Dazwischenschneiden von Texten der Meinhof oder von Heiner Müller akzeptierte man in diesem Kontext.

Gesungen und gespielt wurde insgesamt sehr gut. Emilio Pons bewältigte trotz gesundheitlicher Probleme die Titelrolle bei der Premiere mit unangestrengtem Tenor. Die Sopranistin Annika Sophie Ritlewski sang die Vetturia mit klarer, flexibler Stimme und sehr geläufig in denKoloraturen: Ein Gewinn für das Heidelberger Ensemble. Yosemeh Adjeis Counter-Stimme passte perfekt und tonschön für die Rolle des Licinus, während Franz Vitzthum als zweiter Counter (Popilius) stimmlich schmächtig wirkte.Als Spartakus’ Tochter Gianisbe hörte man Camilla de Falleiro: eine fabelhafte Sängerin mit leichtem, beweglichem Sopran, der barock geschult und intelligent geführt ist und dabei auch noch wunderschön klingt. Mareile Lichdi als Revolutionärsgattin hat die eigentlichen Fäden in der Hand und tritt als Rosa Luxemburg und Ulrike Meinhof auf: Bis auf einen Aussteiger zu Beginn des zweiten Duetts mit Tarsone sang die Sopranistin sicher und koloraturengewandt. Sebastian Geyers jugendlich wirkender Tarsone, der später die Revolution der Unterdrückten ins Gegenteil verkehrt, war wie gewohnt sängerisch fulminant.

Maraile Lichdi (Rodope), Annika Sophie Ritlewski (Vetturia)Die Barock-Streichertruppe des Philharmonischen Orchesters der Stadt Heidelberg unter der Leitung von Michael Form hat mit entsprechenden Instrumenten, Saiten, Bögen und kenntnisreichem Coaching einen Stand erreicht, den man einem städtischen Orchester kaum zugetraut hätte. Das kann sich sehen und hören lassen, ist lebendig, sprechend und klanglich sofort als „barock“ erkennbar. Mehr kann man als „moderner“ Musiker kaum erreichen. Porsiles Musik selbst passt bestens in die beim „Winter“ etablierte Reihe, ist im Gusto italienisch, wenn auch für die Entstehungszeit schon etwas veraltet, d.h noch deutlich barock eben, sogar mit deutscher Prägung.Nach diesen guten Eindrücken von Werk und Umsetzung muss sich etwa in der Mitte des zweiten Teils erst Spartakus völlig entkleiden und schwarz anmalen (er mutiert vom Sklaven zum „Neger“) – und sein „Johannes“ dirigiert den ganzen Rest der Oper. „Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei“, verkünden die tapferen Revolutionäre, und Ulrike M. raucht einen Joint, der bis ins Parkett riecht. Wir aber wollen Oper, nicht mehr und auch nicht weniger: Das Quartett der Verurteilten sprengt dann mutwillig jeden Rahmen und wird von Zuspielbändern übertönt. Minutenlanges Gedröhn überschreitet jeder Toleranzgrenze, und die gute Laune ist auch in den nachfolgenden Arien und Duetten kaum mehr zu retten.
Der Regisseur nimmt sich zu wichtig und macht sein eigenes Stück. Die Mittel dafür sind so einfach wie doof: er will’s allen zeigen, vor allem jenen, die teure Karten für den Luxus Oper ausgeben. Denen redet er zum Schluss auch noch ins Gewissen. Das besticht nicht durch Intelligenz, sondern nervt nur durch Plattheit und die kindische Lust am Verbotenen. Denn immerhin lebt auch Herr von zur Mühlen von diesem Luxus und kümmert sich wenig um die Opfer der Gewalt im Kongo. Lieber verschafft er Rumpelstilzchens Kindergarten einen pseudointellektuellen Überbau.

Kann sein, dass die Opernfreunde in der zweiten Hälfte den „Death Metall“-Fans im Rokokotheater bereitwillig Platz machen. Vielleicht bietet ja das Theater bald auch Karten für das halbe Stück zum halben Preis an. Das wäre zwar nicht gut für das Theater, aber fair gegenüber den Besuchern.Rhein-Neckar-Zeitung, 08.12.09, Matthias Roth

Fotos: Markus Kaesler

Weitere Informationen unter www.theater-heidelberg.de


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