

Mittwoch, 27.01.2010 20.00 Uhr Stadthalle Heidelberg

Jean Sibelius
OUVERTÜRE ZU „DER STURM“
Carl Maria von Weber
KONZERT FÜR KLARINETTE & ORCHESTER NR. 1 f-Moll op. 73
Misato Mochizuki
INSULA OYA
Europäische Erstaufführung
Benjamin Britten
FOUR SEA INTERLUDES
Klarinette Sabine Meyer
Dirigent Cornelius Meister
Philharmonisches Orchester Heidelberg
„Wenn der Sturmwind sein Lied singt, dann winkt mir der großen Freiheit Glück“ heißt es in „La Paloma“. Richtige Freiheit gibt es für den Seemann eben nur auf dem Meer. Für Komponistinnen und Komponisten ist es vor allem die urtümliche Wildheit des Meeres, die zum Gegenstand von Musik wurde, so im letzten Zwischenspiel aus PETER GRIMES. Benjamin Britten hat die vier eindrucksvollen Zwischenspiele noch vor der Uraufführung der Oper zu einer Konzertsuite zusammengefasst.
Auch Jean Sibelius’ Ouvertüre zu Shakespeares Drama DER STURM spielt auf dem Meer. Die wahrscheinlich beeindruckendste und gleichzeitig kürzeste Sturmmusik der Musikgeschichte!
Die japanische Komponistin Misato Mochizuki, Preisträgerin des Heidelberger Künstlerinnenpreises 2010, war fasziniert von der archaischen Schönheit der französischen Atlantikinsel Île d’Yeu. Die von Wind und Meer geprägte Landschaft wird in ihrem Werk INSULA OYA musikalisch spürbar.
Zu unserer besonderen Freude kommt Sabine Meyer nach ihrem umjubelten Konzert im April 2009 erneut nach Heidelberg – diesmal mit Carl Maria von Webers 1. KLARINETTENKONZERT.
Das Konzert wird vom DEUTSCHLANDFUNK aufgezeichnet.
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Klänge aus dem Urzeitlichen
4. Philharmonisches Konzert Heidelberg mit Künstlerinnenpreis-Trägerin Mochizuki in der Stadthalle
Nie und nimmer hätte man meinen können, dass solch eine kühne Musik von einem Jean Sibelius komponierte wurde. So etwas Wildes, Dissonantes von einem, der den Schwan von Tuonela so sterbensschön über die Wasser gleiten ließ? Dennoch war es von dem großen Finnen, die Ouvertüre zu „Der Sturm“ von Shakespeare, womit das 4. Philharmonische Konzert Heidelberg in der vollbesetzten Stadthalle begann.
Tosende Naturgewalten ließen die Heidelberger Philharmoniker unter GMD Cornelius Meister herabrauschen, ungeheuer schroffe Klänge, unablässig chromatisch auf und ab wogend. Überaus dicht und reich an Dissonanzen waren diese Klänge, die eher einem Naturereignis glichen als dass sie musikalisch wirkten. Das hätte von Iannis Xenakis sein können, oder Varèse, aber Sibelius? Ein avantgardistischer Geniestreich des Spätromantikers.
Dem Elementaren der Natur sowie Stimmungsbildern an der See war der Abend gewidmet, und davon ist ganz besonders auch das Schaffen der in Paris lebenden japanischen Komponistin Misato Mochizuki geprägt, die im Anschluss an die europäische Erstaufführung ihrer Komposition „Insula Oya“ mit dem Heidelberger Künstlerinnenpreis 2010 geehrt wurde. Von Naturstimmungen und den Mysterien der Natur lässt sich die 1969 geborene Komponistin immer wieder inspirieren. Dies ganz besonders in „Insula Oya“ (der alten Bezeichnung für die französische Ile d'yeu im Atlantik), deren prähistorische Gesteinsbrocken, wüstenhafte Landschaft undmysteriöses Licht die Komponistin besonders beeindruckte.
Das Magische, Urzeitliche bringt Misato Mochizuki hier in faszinierenden, mikrotonal gefärbten Klangbildern zum Tönen. In einer Tonsprache von ganz eigener Gestalt und reicher Fantasie. Überaus fesselnd war schon der Beginn, die beredt-expressiven Rufe einzelner Streichinstrumente, die wie aus dem Urzeitlichen heraus tönten. Und auch im Folgenden wird das großbesetzte Orchester zunächst noch kammermusikalisch verwendet, spielen einzelne Instrumente in unterschiedlichen Metren, quasi improvisatorisch, wie es bei traditioneller japanischer Musik Usus ist.
Die Totale des großen Orchesters wird daneben in fein ziselierten Klänge zerstäubt, bevor diese sich wieder zusammenballen zu ungeheuren Energiewolken. So kann man sich die Bildung von Sternen aus interstellaren Nebeln vorstellen, hier im Zeitraffer vollführt. Vielgestaltige feine Impulse des Schlagzeugs formten sich zu rituellen Rhythmen von elementarer Kraft. Es gärt und brodelt immer wieder aus den ruhevollen, vielfach
aufgefächelten, glissandierenden, geraspelten und gehauchten Klängen heraus. Ein überaus detailreich komponiertes Werk von großer Magie und klanglichem Zauber, hochkonzentriert musiziert von den Philharmonikern.
„Das wissenschaftliche Denken auf der einen Seite und die Mysterien der Natur auf der anderen Seite sind die beiden Pole, zwischen denen sich die formalen Gestaltungsprinzipien ihrer Werke bewegen“, sagte die Musikwissenschaftlerin Ann-Christine Mecke in ihrer Laudatio bei der Preisverleihung.
Ein weiteres Naturbild gab es am Ende des Konzerts mit Brittens „Four sea interludes“, unter Cornelius Meisteprachtvoll musiziert, zwischen tiefer Ruhe, religiöser Inbrunst und expressiver Kraft. Zuvor hörte man noch Webers 1. Klarinettenkonzert mit der Solistin Sabine Meyer, deren überaus sublime Lyrik, beweglich musikantische und lustvoll bravourös herausgespielte Virtuosität das Publikum hochbegeistert jubeln ließ.
Rainer Köhl, RNZ 29.01.2010
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