A R C H I V 2009|2010: 5. PHILHARMONISCHES KONZERT

Mittwoch, 24.02.2010 20.00 Uhr Stadthalle Heidelberg

 

Gidon KremerGyörgy Ligeti

RAMIFICATIONS (VERZWEIGUNGEN)

für Streichorchester


Robert Schumann

KONZERT FÜR VIOLINE UND ORCHESTER d-Moll


Dmitri Schostakowitsch

SINFONIE NR. 6 h-Moll op. 54

 


Violine Gidon Kremer

Dirigent Simon Gaudenz

Philharmonisches Orchester Heidelberg

 

 

 

In schlimmster politischer Unfreiheit lebte Dmitri Schostakowitsch, doch gerade deshalb komponierte er so raffiniert, bissig und freiheitssehnsüchtig wie nur wenige Komponisten. Er ließ verlauten, in der 6. SYMPHONIE habe er „Frühling, Freude und Jugend“ ausdrücken wollen.
Doch wie immer bei Schostakowitsch erzählt die Musik mehr und anderes als die offiziellen Ausführungen.

Über Robert Schumanns letztes Orchesterwerk sind zahlreiche Missverständnisse und Vorurteile im Umlauf. Bis heute ist gelegentlich zu lesen, das Werk trage bereits Anzeichen des geistigen Zusammenbruchs des Komponisten. Gedruckt und meist gekürzt und mangelhaft aufgeführt wurde es erst ab 1937 – dabei war es ursprünglich für den genialen Geiger Joseph Joachim komponiert worden.

Gidon Kremer und Simon Gaudenz geben dem zu Unrecht geschmähten Werk eine neue Stimme! Der weltberühmte Geiger und das Philharmonische Orchester Heidelberg sind eng verbunden und traten schon mehrfach gemeinsam auf.

Simon Gaudenz, Gewinner des Deutschen Dirigentenpreises 2009 und Chefdirigentdes traditionsreichen Collegium Musicum Basel, gibt mit diesem Konzert sein Debüt in Heidelberg

 

 

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Musik, die stillsteht – und ein fetziges Finale
Stargeiger Gidon Kremer und das Philharmonische Orchester Heidelberg
unter Simon Gaudenz – Konzert erster Güte


Zuerst das Wichtigste: Die Zugabe, die Gidon Kremer im Konzert des Philharmonischen Konzerts in der bis auf den letzten möglichen Stehplatz ausverkauften Heidelberger Stadthalle spielte, war eine Auswahl der „Caprice Variations“ des amerikanischen Komponisten ukrainischer Abstammung George Rochberg (1918_2005).
Dieser schrieb insgesamt 50 Variationen nach Paganini, die offenbar so inspiriert, fantasievoll, witzig, stilistisch weit gespannt sind, dass es in der Konzertpause kein anderes Thema gab. Keiner kannte diese unglaublich geistvollen Stücke, auch erfahrene Geiger nicht. Kremer hat sich auch auf CD für diesen Komponisten eingesetzt, der sechs Sinfonien, sieben Streichquartette, ein Violinkonzert und vieles, vieles mehr schrieb und zuletzt am Curtis Institut Philadelphia lehrte. Die gehörten Solo-Variationen stammen übrigens aus dem Jahr 1970, sind also satte 40 Jahre alt!

Gidon Kremer beim ApplausZuvor gab es – nicht weniger bedeutsam – Schumanns Violinkonzert. Der berühmte Geiger aus Riga spielte es als innig-zartes Zwiegespräch, dynamisch nuancenreich vor allem im piano und klanglich manchmal so im Gewebe des Orchesters verschlungen, dass die Solostimme nur noch schwer auszumachen war. Das Werk sei
schwer zum Klingen zu bringen, sagen Musiker, die es selbst gespielt haben. Kein einfaches Stück also, dessen wechselvolle Geschichte die Orchesterdramaturgin Maria Goeth in ihrer Werkeinführung eloquent ausbreitete.
Zwischenzeitlich kommt die Musik fast zum Stillstand, etwa in den ausgewachsenen Rezitativen mit Streicherbegleitung und Solohorn. Kremer interpretierte Schumanns bis heute ungewöhnliches Solokonzert aus der Stille heraus, im Ton eines höchst intimen Requiems. Die Philharmoniker unter dem Gastdirigenten Simon Gaudenz begleiteten behutsam und diskret. Das ganze Orchester stand im direkten Dialog mit dem Solisten.
Zu Beginn hatten die philharmonischen Streicher mit Ligetis „Ramifications“ (Verzweigungen) einen mikrotonal kontrapunktischen Teppich gewebt, der den zeitliche Fortgang kurzfristig ebenfalls scheinbar aufhob: Plötzlich stand alles still und man fühlte die eigentliche Bedeutung des berühmten Gedankens aus Wagners „Parsifal“: „Zum Raum wird hier die Zeit.“

Beinahe Stillstand, häufig verbunden mit Todesahnungen auch im abschließenden Werk dieses Abends, Schostakowitschs Sechster Sinfonie. Die so genannte „Kopflose“ beginnt ohne eigentlichen Eröffnungssatz gleich mit einem ausgedehnten Largo. Vielleicht könnte man als „Kopfsatz“ der Sechsten (1936) die gesamte Fünfte ansehen, den Kniefall vor Stalin mit dem berühmten „Finale für Idioten“, wie Rostropowitsch es nannte. Die Sechste nimmt die Ausweglosigkeit der Situation und die Trauer auf, die im Largo eben beinah alles stillstehen lässt. Ein paar kunstvolle Intarsien der Solobläser (äußerst gekonnt und tief berührend: Piccoloflöte, Englischhorn, Flöte, Klarinette, Oboe, Fagott …) schweben über den Eisstürmen eines seelischen Nullpunkts, bei dem man sich fragte, wie es je überhaupt noch weitergehen soll. Wie Münchhausen zieht sich der Komponist mit einem flotten Tänzchen selbst aus dem Sumpf und gibt mit dem fetzigen Finale in Rossini-Manier noch eins obendrauf: Bei der Uraufführung war das erneut ein Skandal – jetzt in Heidelberg allerdings ein riesiger Erfolg, der nicht nur die Qualitäten des Dirigenten Gaudenz offenbarte, sondern auch die des Heidelberger Orchesters, das vom ersten bis zum letzten Pult in Hochform spielte.
Matthias Roth, RNZ, 26.02.2010

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