A R C H I V 2009|2010: 6. PHILHARMONISCHES KONZERT

Mittwoch, 17.03.2010 20.00 Uhr Stadthalle Heidelberg

 

Albrecht MayerCharles Ives

THREE PLACES IN NEW ENGLAND


Johann Sebastian Bach

KONZERT FÜR OBOE D’AMORE & ORCHESTER A-Dur BWV 1055


Claude Debussy

LA MER (DAS MEER).

Drei symphonische Skizzen für Orchester

 
Oboe Albrecht Mayer

Dirigent Patrick Lange

Philharmonisches Orchester Heidelberg

 

Der berühmteste Oboist der Welt kommt nach Heidelberg! Albrecht Mayer spielt Bachs KONZERT IN A-DUR, das vor allem als Cembalokonzert bekannt ist, als dessen Grundlage aber ein Konzert für Oboe d’Amore vermutet wird.

Charles Ives ist einer der eigenständigsten und originellsten Komponisten der Musikgeschichte; seine Unabhängigkeit erhielt er sich überraschenderweise gerade dadurch, dass er werktags in einer Versicherung arbeitete. Seine Komposition THREE PLACES IN NEW ENGLAND beschreibt wichtige Orte der Amerikanischen Geschichte und Stationen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges.

Apropos Versicherung: „Entweder Sie empfinden wie ich den Rausch des Ein- und Ausatmens in Farben, die keiner von uns je gehört oder erlebt hat, oder Sie setzen sich bitte wieder an Ihre Steuererklärung“, schrieb der Musikschriftsteller Konrad Beikircher über Debussys eindrucksvolles Werk LA MER, das einem der wichtigsten Freiheitssymbole der Welt ein Denkmal setzt.

Geleitet wird dieses Konzert von Patrick Lange, der als Erster Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin und ehemaliger Assistent von Claudio Abbado als einer der meistversprechenden jungen deutschen Dirigenten gilt.

 

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Jubel um das sanglichste aller Instrumente

Staroboist Albrecht Mayer zählt nicht nur zu den berühmtesten Oboisten überhaupt, er hat auch dazu beigetragen, dass das Instrument, von dem gesagt wird, es sei der menschlichen Stimme am ähnlichsten, wieder allgemein populär wird. Im 6. PHILHARMONISCHEN KONZERT präsentierte er Johann Sebastian Bachs KONZERT FÜR OBOE D’AMORE & ORCHESTER A-Dur BWV 1055.
Das Werk ist als Cembalokonzert überliefert und wurde mit Liebe zum Detail für Oboe d‘amore rekonstruiert. Albrecht Mayer spielte die Facetten des Instrumentes voll aus, zeigte Virtuosität und Lyrik im Klang der großen Schwester der normalen Oboe. Berührend „sang“ er als Zugabe Händels LASCIA CH’IO PIANGA aus RINALDO. Nach einer heiteren kleinen Anekdote bedankte er sich mit einer kurzen Passage aus Bachs H-MOLL-MESSE beim begeisterten Publikum.

Nachwuchsdirigent Patrick Lange, seit 2008 erster Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin, konnte bei Charles Ives‘ THREE PLACES IN NEW ENGLAND unter Beweis stellen, dass er zu den vielversprechenden Persönlichkeiten der jungen Dirigentengeneration zählt. In den THREE PLACES werden historische Orte und Begebenheiten der amerikanischen Geschichte lebendig, die Ives mittels ausgetüftelter Kollagetechniken aus bekannten Märschen, Sklavenliedern, Ragtimes und Volksliedern formte. Patrick Lange modellierte die Zitate fein heraus, beschwor Kriegsszenerien aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und Traumsequenzen eines Knaben ebenso herauf wie einen idyllischen Morgenspaziergang des frisch vermählten Ehepaares Ives am Fluss Housatonic im letzten Satz. Abgerundet wurde das Konzert durch Claude Debussys berühmte drei symphonische Skizzen LA MER. Debussy liebte das unberechenbare Element, sagte oft, dass er eigentlich hätte Seemann werden wollen. In LA MER benutzt er die Vielfältigkeit des Wassers von ruhiger See am Anfang bis zu tobendem Sturm im letzten Satz um Emotionen und Gemütszustände zu transportieren.
In Patrick Langes Interpretation mit den Heidelberger Philharmonikern entstand ein farbenreiches impressionistisches Klanggemälde. Langanhaltender Applaus für Dirigent, Solist und Orchester.

 

Fotos von Proben und Konzert (zum Vergrößern bitte anklicken)

Fotos: Robert Schweizer und Sabine Georg

 

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Welch herrlicher Ton!

Der Oboist Albrecht Mayer beim 6. Philharmonischen Konzert
in der Heidelberger Stadthalle – Patrick Lange war Gastdirigent


Ein wundervoll musizierender Albrecht Mayer war der Star des Abends beim 6. Philharmonischen Konzert in der Heidelberger Stadthalle. Kaum ein zweiter spielt die Oboe d’amore so wunderschön wie er, so hingebungsvoll und so vollendet musikalisch. In Bachs Solokonzert A-Dur formte er die Phrasen des langsamen Satzes so wundervoll schwärmerisch und schmiegsam, mit unerhört sinnlich und fein vibrierendem Ton, dass die Betörung groß war.

Als Kind hat Mayer im Bamberger Domchor gesungen. Wichtige Voraussetzungen dafür, dass auch sein Oboenspiel von so reicher Gesanglichkeit erfüllt ist. Albrecht Mayer hat ein ganz vortreffliches Gespür für klangliche Delikatessen, die er mit spielerischem Vergnügen reich durchmischt. Mit unendlich feiner klanglicher
Differenzierung und schönster Gesanglichkeit erfüllt er die Musik, dabei immer entspannt und hochberedt gestaltend. Tänzerisch stark akzentuiert und mit großem musikantischem Schwung formulierend, lud er im Schlusssatz das Orchester selber zum Tanz, sich den Musikern zuwendend, mit ihnen dialogisierend.
Tonsicher und farbenreich bis in die höchsten Register musizierte der Staroboist und kommunizierte rege mit dem
Orchester. Den gestenreichen Übermut des Finales gestaltete er in rhythmisch pointierter Gewitztheit und mit wundervoll flexiblen Tempomodifikationen.

Locker spritzig musizierten die Heidelberger Philharmoniker unter der Leitung des Gastdirigenten Patrick Lange,
der historisch informierten Spielweise erfrischend angenähert. Für den enthusiastischen Beifall bedankte sich der Oboist mit der Zugabe von Händels Arie „Lascia ch’io pianga“ in einer instrumentalen Version: da glühte und blühte jeder Ton und gewann pralles Leben jenseits aller Weinerlichkeit. Und mit seiner Fantasie, mit der er die wenigen notierten Pfundnoten verzierte, weckte er auch die Improvisationslust des Orchesters, der Cembalistin
und des derzeitigen Solo-Cellisten Tomasz Daroch. Bei seiner zweiten Zugabe, dem Oboen-Solo zu Bachs Alt-Arie „Qui Sedes Ad Dextram Patris“ (aus der h-Moll-Messe) verzichtete der Oboist ganz auf die Continuo-Sekundierung, reduzierte das begleitende Solo ganz auf die Oboe alleine, pur und innig musiziert.

Begonnen wurde der Abend mit Charles Ives’ „Three places in New England“. Fast impressionistisch und irreal
leise ließ Patrick Lange am Pult die schemenhaften Motive kreisen, formte ruhevoll die Streicherelegien, ließ das Orchester weiträumig atmen. Das war delikat ausgehorcht, auch in den polytonalen Überlagerungen.
Von Militärkapellen war Ives als Kind besonders angetan, und diese Begeisterung ließ er immer wieder in seine Musik einfließen. So auch hier, wenn im Mittelsatz Märsche und Tänze von verschiedenen Kapellen gleichzeitig, polyrhythmisch und polytonal aufeinander treffen und zum wüsten Tohuwabohu gesteigert werden. Zwischen sanft schwebender Ruhe und machtvollen Ausbrüchen ließ der Erste Kapellmeister an der Komischen
Oper Berlin auch das dritte Stück kontraststark ausschwingen.

Debussys sinfonische Skizzen „La mer“ gab es zum Schluss, und auch hier blieben die Heidelberger Philharmoniker nichts an Detailliertheit schuldig. Die kontinuierlich changierenden Farben und Stimmungen wurden eingebungsvoll eingefangen, es taten sich wundersame Perspektiven auf, wenn die morgendlichen Nebelschleier des Beginns sich langsam lichteten. In milden Schimmer wurde alles getaucht, und im Licht der Mittagszeit glühten die Farben brillant auf. Zwischen tiefer Ruhe und stürmisch bewegtem Furor wurde das „Spiel der Wellen“, der zweite Satz, ausgependelt. Man hörte exzellente Bläsersoli von Horn, Klarinette, Englischhorn und Trompete. Gewaltige Energien ließ der junge Dirigent im Schlusssatz aufschäumen: Die „Zwiesprache von Wind und Meer“ zur elementaren Sache, worin langsam ein großer Sog aufgebaut und rauschhafte Klanggewalten entfesselt wurden.

Rainer Köhl, RNZ, 19.03.2010

Mit freundlicher Unterstützung von   

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