A R C H I V 2008|2009: 2. Philharmonisches Konzert

Mittwoch, 19.11.2008 20.00 Uhr Stadthalle Heidelberg

Finale des Internationale Philipp-Wolfrum-Orgelwettbewerbs

 

Alexander Mickelthwate (Foto: Craig Koshyk)

 

Richard Wagner
Ouvertüre zu „Der fliegende Holländer“

Josef Rheinberger
Konzert für Orgel und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 177

 Jean Sibelius
Lemminkäinen-Suite op. 22

 

 

Orgel Finalisten des 2. Internationalen Philipp-Wolfrum-Orgelwettbewerbs

 

Dirigent Alexander Mickelthwate

Philharmonisches Orchester Heidelberg

 

 

 

Organistenwettstreit im Konzert:

Zum ersten Mal findet der Internationale Philipp-Wolfrum-Orgelwettbewerb im Rahmen eines Philharmonischen Konzerts statt.

Der Wettbewerb wurde 2004 aus Anlass des 150. Geburtstages des Heidelberger Komponisten, Dirigenten und Musikwissenschaftlers Philipp Wolfrum erstmals durchgeführt. Von Beginn an war klar, dass ein Teil des Wettbewerbs an der Voit-Orgel der Stadthalle durchgeführt werden sollte, denn schließlich wurde die Orgel auf Initiative und nach Vorgaben von Wolfrum erbaut.

Alexander MickelthwateWenn die diesjährigen drei Finalisten des Wettbewerbs im 2. Philharmonischen Konzert an die Voit-Orgel der Stadthalle treten, haben sie bereits einige Hürden übersprungen: die Vorauswahl, das Halbfinale in der Peterskirche und den ersten Teil des Finales, in dem die Teilnehmer ohne Orchester spielen. Nur die drei allerbesten Teilnehmer aus werden dann jeweils einen Satz aus Josef Gabriel Rheinbergers 2. Orgelkonzert spielen, und noch während der zweiten Konzerthälfte wird die hochkarätig besetzte Jury ihre Entscheidung treffen.

Geleitet wird das Konzert von dem deutschen Dirigenten Alexander Mickelthwate. Sein internationaler Durchbruch verlieft beinahe wie im Film: Erst wenige Minuten vor Beginn eines Symphoniekonzerts erfuhr der damalige Assistent der Los Angeles Philharmonic, dass er für den Dirigenten einspringen musste. Mit Bravour leitete er das anspruchsvolle Programm.

Inzwischen ist er Chefdirigent beim Winniepeg Symphony Orchestra in Kanada, daneben gastiert er in den USA und in Europa. In Amerika war er u. a. beim New York Philharmonic zu Gast, in Europa bei den Hamburger Symphonikern, dem Orchestre Philharmonique de Monte Carlo, dem SWR Radiosinfonieorchester Stuttgart und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Ursprünglich stammt Alexander Mickelthwate jedoch aus der Region: Er wurde in Deutschland geboren und studierte Klavier und Dirigieren an der Musikhochschule Karlsruhe.

Neben dem Orgelkonzert stehen zwei Werke auf dem Programm, die das Spielzeitmotto „Kampf um Frieden“ nach Nordeuropa tragen: Die Lemminkäinen-Suite von Jean Sibelius und die Ouvertüre zu Der fliegende Holländer. Lemminkäinen ist einer der Helden des Finnischen Nationalepos Kalevala, das auf alte Volkdichtungen zurückgeht, aber erst im 19. Jahrhundert aufgeschrieben wurde. Bis heute stellt das Kalevala einen der wichtigsten Bezugspunkte finnischer Kultur dar. Der Fliegende Holländer sucht hingegen in norwegischen Gewässern seinen Frieden.

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Finale mit dem Philharmonischen Orchester Heidelberg

Gestern ging der 2. Internationale Philipp-Wolfrum-Orgelwettbewerb in Heidelberg zu Ende und es wurden zwei gleichrangige zweite Preise vergeben. Wie der Juryvorsitzende Martin Sander betonte, sei diese Entscheidung nicht als Abwertung des Teilnehmerfelds zu verstehen, sondern eine Folge der Gleichrangigkeit der beiden zweiten Preisträger in einem hochkarätigen Teilnehmerfeld.

Balázs SzabóDen zweiten Preis teilen sich die Russin Natalia Ryabkova und der Ungar Balázs Szabó. Der dritte Preis ging an den erst zwanzigjährigen Deutschen Jan Croonenbroeck. Der 1985 geborene Balázs Szabó studierte bei Gábor Lehotka in Budapest und ist derzeit Schüler von Christoph Bossert an der Hochschule für Musik Würzburg. Parallel lässt er sich im Rahmen des EU-Masterstudiengangs „OrganExpert“ an der Musikhochschule Trossingen zum Orgelsachverständigen ausbilden. Natalia Rybkova ist Studentin im Aufbaustudium von Martin Sander an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg. Zuvor studierte sie in Nishni Novgorod und in Kazan.

Der Internationale Philipp-Wolfrum-Orgelwettbewerb unter der Schirmherrschaft des Heidelberger Oberbürgermeisters Eckart Würzner wurde 2004 zum ersten Mal ausgerichtet. In diesem Jahr wurden nach einer Vorauswahl 14 Teilnehmer aus 9 Ländern zum Halbfinale nach Heidelberg eingeladen. Drei davon qualifizierten sich für das Finale, in dem erstmals ein Orgelkonzert mit Orchester zum Programm gehörte.

Die Teilnehmer spielten im Rahmen eines Philharmonischen Konzerts je einen Satz aus Josef Rheinbergers 2. Orgelkonzert gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester der Stadt Heidelberg unter der Leitung von Alexander Mickelthwate. In seinem Grußwort unterstrich der Heidelberger Kulturbürgermeister Joachim Gerner die Bedeutung des Wettbewerbs für die Stadt Heidelberg, der in der Einbeziehung des Philharmonischen Orchesters besonders zum Ausdruck komme.

Quelle: www.theaterheidelberg.de

 

Russische Virtuosin und finnischer Don Juan

Heidelberg Sinfoniekonzert mit Finale des 2. Internationalen Philipp-Wolfrum-Orgelwettbewerbs

Nun ist der Internationale Philipp-Wolfrum-Orgelwettbewerb Heidelberg auch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getragen worden und dafür war ein besonderer Clou hilfreich: nämlich den letzten Teil der Finalrunde im Rahmen des 2. Philharmonischen Konzertes in der Stadthalle Heidelberg auszutragen.

Jan CroonenbroeckDrei Finalisten wurden von der prominent besetzten, fünfköpfigen Jury auserwählt und diese drei musizierten mit den Philharmonikern je einen Satz des Orgelkonzerts Nr.2 g-moll von Joseph Rheinberger.

Auf einen ersten Preis konnte sich die Jury nicht einigen und so gab es zwei zweite Preise für zwei Organisten, die vom Temperament und Spielweise unterschiedlich, von der Qualität ihres Spiels aber gleichwertig seien, wie der Juryvorsitzende und Wettbewerbs-Initiator, Prof. Martin Sander (Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg), betonte.

Natalia Ryabkova und Balázs Szabó teilen sich diese, einen dritten Preis erhielt der junge deutsche Organist Jan Croonenbroeck. Den Kopfsatz des Rheinberger-Konzerts spielte der Ungar Balázs Szabó sicher und souverän, aber auch etwas gleichförmig geradeaus, ohne den Überschwang des Orchesters anzustimmen, das unter der Leitung des Dirigenten Alexander Mickelthwate große Emphase aufglühen ließ. Gleichfalls ebenmäßig musizierte Jan Croonenbroeck den langsamen Mittelsatz. Gut, eine Orgel kann nicht so atmen wie Streicher, aber etwas mehr Rubato und freie Agogik hätten schon noch sein können.

Natalia Ryabkova Von ganz anderem Kaliber war das Spiel von Natalia Ryabkova. Die junge Russin, die an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg studiert, ist eine Virtuosin von beachtlichem Format.

Wo ihre Mitbewerber auf Nummer sicher gingen, suchte sie die musikantische Herausorderung, spielte kräftig zupackend, erregend und mitreißend, brachte den tänzerischen Elan des Finale in besten Schwung. Dabei dialogisierte, kommunizierte sie mit dem Orchester, dass es ein Hochgenuss war. Aber auch beim vorangegangenen Solospiel an der Voit-Orgel hinterließ Natalia Ryabkova starke Eindrücke, vor allem mit Regers Phantasie und Fuge über „B-A-C-H“.

Begonnen wurde das Sinfoniekonzert mit Wagners „Holländer“-Ouvertüre: kraftvoll stürmend und drängend, mit vollen Segeln heranfliegend. Prägnant und frei von mystischen Nebeln ließ Mickelthwate das Orchester musizieren.

Zum Abschluss des Abends kam noch die „Lemminkäinen-Suite“ von Jean Sibelius zur Aufführung. Eben dieses Werk spielte das Heidelberger Orchester schon einmal 1901 bei einem Tonkünstler-Fest, bei dem die Komponisten ihre Werke selbst dirigierten. So auch Sibelius. Eine Legende aus dem finnischen Nationalepos „Kalevala“ hat Sibelius dabei vertont: Lemminkäinen ist ein finnischer Don Juan, der reihenweise Jungfrauen, Witwen und Bräute verführte.

Die Wechsel zwischen melodienreichen Elegien und rasant dahinjagenden Läufen gestalteten die Philharmoniker ausgesprochen reaktionsstark und die dichte Polyphonie der Stimmen wurde immer äußerst durchhörbar gestaltet. Schöne Stimmungen entstanden dabei, etwa in dem fahl schwirrenden, nächtlichen Dunkel der Unterwelt Tuonela. Im Gesang vom „Schwan von Tuonela“ vermied der Dirigent alle verkitschte Melancholie, erreichte vielmehr große Tiefe und beredsamen Ausdruck.

Rainer Köhl, RNZ (21.11.2008)

 

Weitere Fotos von Proben und Konzert: (zum Vergrößern bitte anklicken)

 

Fotos: Robert Schweizer und Sabine Georg