Philharmonisches Orchester
Heidelberg
Christoph Altstaedt leitet das 4. Philharmonische Konzert; Foto P. Gwiazda

Arnold Schönbergs Verklärte Nacht im 4. Philharmonischen Konzert

»Gestern Abend hörte ich die Verklärte Nacht, und ich würde es als Unterlassungssünde empfinden, wenn ich Ihnen nicht ein Wort des Dankes für ihr wundervolles Sextett sagte. Ich hatte mir vorgenommen, die Motive meines Textes in Ihrer Composition zu verfolgen; aber ich vergaß das bald, so wurde ich von der Musik bezaubert.«
Richard Dehmel 1912 in einem Brief an Arnold Schönberg

»Ihre Gedichte haben auf meine musikalische Entwicklung entscheidenden Einfluss ausgeübt. Durch sie war ich zum ersten Mal genötigt, einen neuen Ton in der Lyrik zu suchen. Das heißt, ich fand ihn ungesucht, indem ich musikalisch widerspiegelte, was ihre Verse in mir aufwühlten.«
Arnold Schönberg an Richard Dehmel

Arnold Schönbergs Sextett Verklärte Nacht ist das populärste Werk des Komponisten und gilt als erstes Kammermusikstück mit Programm, denn es greift ein Liebesgedicht von Richard Dehmel auf. Erst 25 Jahre war Arnold Schönberg alt, als er sich von Dehmels Dichtung zur Komposition inspirieren ließ. Die Uraufführung von Verklärte Nacht fand 1902 statt.
Zur Aufführung im 4. Philharmonischen Konzert kommt die vom Komponisten in späteren Jahren eingerichtete Fassung für Streichorchester.

Weiterhin auf dem Programm des Konzerts am Mittwoch, 13.12.2017, steht Johannes Brahms’ Klavierkonzert Nr. 1 in d-Moll, Solist ist Alexander Lonquich. Am Pult steht der junge, aus Heidelberg stammende Dirigent Christoph Altstaedt.

Verklärte Nacht

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
Der Mond läuft über hohe Eichen;
kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
in das die schwarzen Zacken reichen.
Die Stimme eines Weibes spricht:

Ich trag ein Kind, und nit von Dir,
ich geh in Sünde neben Dir.
Ich hab mich schwer an mir vergangen.
Ich glaubte nicht mehr an ein Glück
und hatte doch ein schwer Verlangen
nach Lebensinhalt, nach Mutterglück
und Pflicht; da hab ich mich erfrecht,
da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
von einem fremden Mann umfangen,
und hab mich noch dafür gesegnet.
Nun hat das Leben sich gerächt:
nun bin ich Dir, o Dir, begegnet.

Sie geht mit ungelenkem Schritt.
Sie schaut empor; der Mond läuft mit.
Ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.
Die Stimme eines Mannes spricht:

Das Kind, das Du empfangen hast,
sei Deiner Seele keine Last,
o sieh, wie klar das Weltall schimmert!
Es ist ein Glanz um alles her;
Du treibst mit mir auf kaltem Meer,
doch eine eigne Wärme flimmert
von Dir in mich, von mir in Dich.
Die wird das fremde Kind verklären,
Du wirst es mir, von mir gebären;
Du hast den Glanz in mich gebracht,
Du hast mich selbst zum Kind gemacht.

Er faßt sie um die starken Hüften.
Ihr Atem küßt sich in den Lüften.
Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

Richard Dehmel 1896